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Warum brauchen Fahrschüler heute mehr Fahrstunden als früher, und was bedeutet das für mich als Elternteil?

Warum brauchen Fahrschüler heute mehr Fahrstunden als früher, und was bedeutet das für mich als Elternteil?

Die Anforderungen auf der Straße sind gestiegen. Aber das ist nicht der einzige Grund. Was sich wirklich verändert hat, fängt lange vor der ersten Fahrstunde an.

Von Silke | Inhaberin und Fahrlehrerin, Reiners Fahrschule Schleusingen

Ich habe einen Fahrschüler, der jeden Tag mit dem Bus von Schleusingen nach Suhl pendelt. Jeden Tag, seit einem Jahr. Ich rufe ihn während der Fahrt an und frage, wo er gerade ist. Er sagt: "Ich weiß nicht genau." Die zwei Dörfer, die er täglich durchfährt, kennt er nicht. Er hat sie nie bewusst wahrgenommen, weil er während der gesamten Fahrt auf sein Handy schaut.

Derselbe Schüler saß kurze Zeit später mit mir im Auto und konnte mir nicht sagen, wie man von Schleusingen nach Hinternah kommt. Drei Kilometer Entfernung. Seine eigene Region.

Das ist kein Einzelfall. Das ist ein Muster, das ich seit Jahren beobachte, und das direkt erklärt, warum Fahrschüler heute im Schnitt mehr Stunden brauchen als noch vor zehn, fünfzehn, zwanzig Jahren.

Die direkte Antwort auf die Frage: Ja, der Stundenbedarf ist gestiegen. Fahrlehrerverbände aus ganz Deutschland bestätigen das. Die Ursachen liegen nicht auf der Straße. Sie liegen in der Art, wie Kinder und Jugendliche aufwachsen, bevor sie zum ersten Mal hinterm Steuer sitzen.

Das Wichtigste auf einen Blick

  • Der Stundenbedarf junger Fahrschüler ist laut Fahrlehrerverbänden im Vergleich zu vor zehn bis fünfzehn Jahren spürbar gestiegen
  • Jugendliche, die als Mitfahrer nur aufs Handy schauen, entwickeln kein Gefühl für Verkehr, Orientierung und Entfernungen
  • Kinder, die überall hingefahren werden statt zu Fuß oder mit dem Rad zu fahren, bringen deutlich weniger Raumgefühl mit in die Fahrausbildung
  • Die körperliche Reife kommt früher als noch vor einer Generation, die kognitive Reife braucht trotzdem gleich lang, das schafft eine Lücke im Unterricht
  • Was Eltern heute tun, hat direkten Einfluss darauf, wie viele Fahrstunden ihr Kind morgen braucht

Das Problem

Früher sind Kinder Fahrrad gefahren. Allein. Quer durch die Stadt oder durch mehrere Dörfer. Sie haben dabei Wege gelernt, Kreuzungen bewertet, Entscheidungen getroffen. Wann bremse ich? Wo biege ich ab? Dieser tägliche Trainingsprozess war unbewusst, kostenlos, und er hat das Fundament für späteres Fahren gelegt.

Heute werden Kinder gefahren. Von der Schule zum Sport, vom Sport zur Musikstunde, von der Musikstunde nach Hause. Sie sitzen hinten rechts, Handy in der Hand, und schauen nicht aus dem Fenster. Der Fahrlehrerverband sieht das als eine der zentralen Ursachen für den gestiegenen Stundenbedarf: Jugendliche, die beim Mitfahren ausschließlich mit dem Smartphone beschäftigt sind und von den Eltern überall hingefahren werden, bringen heute sehr viel weniger Vorerfahrung mit als noch vor einer Generation.

Das Problem daran ist nicht fehlende Motivation. Fast alle meine Schüler wollen den Führerschein. Das Problem ist fehlendes unbewusstes Grundwissen: das Gefühl für Abstände, für Geschwindigkeit, für den Raum um das Fahrzeug. Das lernt man nicht in der Fahrschule. Das lernt man Jahre vorher durch Bewegung in der Welt.

Hinzu kommt ein zweites, verwandtes Phänomen. Navigationssysteme und Smartphone-Karten haben dafür gesorgt, dass das aktive Orientieren im Raum als Fähigkeit verkümmert. Eine in der Fachzeitschrift Scientific Reports veröffentlichte Studie zeigt: Je häufiger Menschen GPS nutzen, desto stärker nimmt ihre räumliche Gedächtnisleistung im Hippocampus ab. Das Gehirn schaltet von der aktiven Erstellung mentaler Karten auf einen einfachen Reiz-Reaktions-Modus um. Wer nie navigiert, kann irgendwann nicht mehr navigieren.

Ich spüre das täglich. Schüler, die weder wissen, wo Norden ist, noch in welche Himmelsrichtung sie gerade fahren. Schüler, die auf ihrer täglichen Busroute nicht zwei Dörfer weiter wissen, weil sie nie aufgeschaut haben.

Die Belege

Dass das kein subjektives Empfinden ist, zeigen Aussagen von Fahrlehrerverbänden aus dem ganzen Land. Der Befund ist überall derselbe: Jugendliche bringen heute deutlich weniger Vorerfahrung mit als noch vor zehn bis fünfzehn Jahren. Die Folge sind mehr benötigte Fahrstunden, nicht weil die Schüler schlechter wären, sondern weil sie mit einem anderen Ausgangspunkt starten.

Fahrlehrer berichten übereinstimmend, dass viele Jugendliche heute nicht einmal mehr sicher Fahrrad fahren können. Die Motorik und Geschicklichkeit, die das Fahrradfahren trainiert, entwickelt sich nur durch Übung. Wer das als Kind nicht tut, hat als Fahrschüler einen Rückstand, der in Fahrstunden aufgeholt werden muss.

Dazu kommt, dass der Verkehr komplexer geworden ist. Mehr Fahrzeuge, mehr Assistenzsysteme im Auto, die erklärt und eingeübt werden müssen, längere Prüfungszeiten mit höheren Anforderungen. Ein praktischer Prüfer lässt die Prüflinge heute teilweise zehn Minuten länger fahren als noch vor einigen Jahren.

Und dann ist da noch etwas, das ich in meiner Praxis beobachte und das ich nicht ignorieren kann: die körperliche Entwicklung junger Menschen hat sich in den vergangenen Jahrzehnten deutlich nach vorne verschoben. Wissenschaftliche Studien, unter anderem eine Übersichtsarbeit, die 2025 auf einer Endokrinologie Tagung aktualisiert wurde, bestätigen: Seit den 1970er Jahren verschiebt sich der Beginn der Pubertät alle zehn Jahre um rund drei Monate nach vorne. Mädchen kommen heute durchschnittlich mit rund elf Jahren in die Pubertät, und bei einem Teil noch deutlich früher. Das Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit beobachtete diesen Trend bereits zwischen 1980 und 2005.

Was das mit dem Führerschein zu tun hat? Eine ganze Menge. Der Körper reift früher als noch vor einer Generation. Das Gehirn braucht trotzdem gleich lang, bis es vollständig ausgereift ist. Das Frontalhirn, das für Konzentration, Impulskontrolle und Risikoabschätzung zuständig ist, entwickelt sich bis weit in die Zwanziger. Diese Lücke zwischen körperlicher und kognitiver Reife ist heute größer als früher. In der Fahrausbildung merke ich das: ein Schüler, der körperlich längst erwachsen wirkt, kann mit sechzehn oder siebzehn Jahren trotzdem noch erhebliche Schwierigkeiten haben, ruhig zu bleiben, wenn eine Situation auf der Straße unvorhergesehen kippt.

Das ist kein Vorwurf an die Jugendlichen. Das ist ein Umstand, den ich als Fahrlehrerin verstehe, einkalkuliere, und auf den ich meine Ausbildung ausrichte.

Die Lösung

Was kann ich heute als Elternteil tun, damit mein Kind morgen weniger Fahrstunden braucht?

Die Antwort beginnt nicht mit dem Einschreiben in die Fahrschule. Sie beginnt viel früher.

Lass dein Kind navigieren. Im Auto, im Bus, zu Fuß. Frag nach dem Weg. Lass es erklären, wie man von A nach B kommt. Das klingt banal, ist aber eines der wirkungsvollsten Dinge, die ein Kind tun kann, um ein räumliches Verständnis seiner Umgebung aufzubauen. Das Gehirn, das früh trainiert, Karten im Kopf zu erstellen, hat später beim Fahren einen erheblichen Vorteil.

Lass dein Kind Fahrrad fahren. Wirklich fahren, nicht nur auf dem Hof. Auf Straßen, mit anderen Verkehrsteilnehmern, mit Entscheidungen unter Zeitdruck. Die Motorik, das Gleichgewichtsgefühl, das Einschätzen von Abständen, das alles wird dabei trainiert und überträgt sich direkt auf das Autofahren.

Fördere das Wegschauen vom Bildschirm in Bewegungssituationen. Nicht als Strafe, sondern als Übung: Wer im Bus sitzt, schaut raus. Wer im Auto mitfährt, beschreibt, was er sieht. Das ist kein verlorener Nachmittag, das ist Vorinvestition in den Führerschein.

Und dann, wenn der Führerschein beginnt: Hab Geduld mit der Stundenanzahl. Wenn dein Kind mehr Stunden braucht als ein anderes, liegt das fast nie an mangelndem Talent. Es liegt meistens an einem Ausgangspunkt, der sich über Jahre aufgebaut hat, und der sich nicht in vier Wochen aufholen lässt.

Bei mir sitzt kein Schüler eine Stunde mehr, als ich es für notwendig halte. Aber wenn ich merke, dass das Fundament fehlt, bauen wir es auf. Lieber jetzt, in der Fahrschule, als später allein auf der Straße.

Häufige Fragen

Ist mein Kind schlechter als frühere Fahrschülergenerationen?
Nein. Die Motivation und das Lernvermögen sind vergleichbar. Was fehlt, ist die unbewusste Vorerfahrung, die frühere Generationen durch mehr Bewegung, Fahrradfahren und aktives Miterleben des Straßenverkehrs automatisch aufgebaut haben. Das ist kein Makel, sondern ein Umstand.

Können wir als Eltern wirklich etwas daran ändern?
Ja, und zwar früher als du denkst. Wer sein Kind navigieren lässt, Fahrrad fahren lässt und es beim Mitfahren zum Rausschauen animiert, investiert in Vorfahrpraxis, die sich in der Fahrschule in weniger benötigten Stunden niederschlägt.

Mein Kind schaut im Auto immer nur auf sein Handy. Soll ich das verbieten?
Ein Verbot ist weniger wirksam als eine Alternative. Fang klein an: Erkläre, was ihr gerade fahrt. Frag, welches Dorf ihr gerade durchquert. Lasst es schätzen, wie lange ihr noch braucht. Das weckt Interesse an der Welt um das Auto herum, ohne eine Konfliktsituation zu erzeugen.

Warum beginnt die Fahrausbildung nicht früher, um das aufzuholen?
Das begleitete Fahren ab 17 Jahren, BF17, gibt es genau aus diesem Grund. Es bietet jungen Menschen die Möglichkeit, bereits mit 17 unter Begleitung Fahrerfahrung zu sammeln. Viele meiner Schüler, die BF17 genutzt haben, kommen mit einem deutlich ausgeprägteren Gefühl für den Verkehr in die eigenständige Ausbildung.

Gilt das alles wirklich für jeden Schüler, oder ist das eine Verallgemeinerung?
Nein, das gilt nicht pauschal für jeden. Es gibt Sechzehnjährige, die sich draußen bewegen, die ihre Region kennen, Fahrrad fahren und die mit einem soliden Fundament in die Fahrausbildung starten. Diese Schüler brauchen weniger Stunden. Der Unterschied ist nicht das Alter, sondern die Vorerfahrung.

Abschluss

Der Junge aus dem Bus kennt inzwischen seinen Weg nach Suhl. Nicht weil er gescheiter geworden wäre, sondern weil er begonnen hat, rauszuschauen. Wir haben in einer unserer Fahrstunden absichtlich eine Route genommen, die er täglich fährt, und ich habe ihn gebeten, mir zu erklären, wo wir sind. Seitdem schaut er aus dem Fenster.

Das ist keine große Geste. Aber es ist genau der Unterschied zwischen einem Fahrschüler, der reagiert, und einem, der den Raum versteht, in dem er fährt.

Was du als Elternteil heute damit anfangen kannst: Fang an. Nicht mit dem Führerschein. Mit der Straße, die ihr täglich zusammen entlangfahrt.

Wenn du wissen willst, wie wir bei Reiners Fahrschule Schleusingen mit diesem Thema in der praktischen Ausbildung umgehen, ruf uns an oder komm vorbei. Ich nehme mir die Zeit.

Das Fundament entscheidet. Und das Fundament baut man nicht in der Fahrschule.


Eure Silke

Silke bildet seit über 26 Jahren Fahrschüler in Schleusingen und der Region aus. Sie erlebt tagtäglich, wie sich veränderte Kindheits- und Jugendbedingungen auf die Fahrausbildung auswirken, und richtet ihren Unterricht konsequent auf den einzelnen Schüler aus, nicht auf eine durchschnittliche Stundenzahl.

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